Die Herkunft bestimmt, welche Traumbilder uns bewegen

Die eigene Herkunft, und damit die eigene Wurzel allen Gedankenguts, spielt bei der Ausdeutung der Traumbilder eine wesentliche Rolle. Das rührt daher, dass sowohl das alltägliche Erleben als auch religiöse Traditionen aber auch gebräuchliche Redewendungen einen gewissen Einfluss auf die Traumgesichte haben. Ob also ein Traumerleben als außergewöhnlich oder aufsehenerregend wahrgenommen wird, ist eine Sache der täglichen Routine.

1. Redensarten
2. Religionen und Traditionen
3. Umwelt und Alltag
4. Moderne Bilder
5. Fazit

1. Redensarten

Beispielsweise wird ein Engländer eventuell Katzen und Hunde vom Himmel fallen sehen und amüsiert die Bildhaftigkeit der Redewendung „It’s raining cats and dogs.“ („Es regnet Katzen und Hunde.“) für starken Regen erkennen und dem ganzen keine weitere Beachtung schenken. Jemand aus dem deutschsprachigen Raum wäre beim selben Bild wohl eher verschreckt, weil ihm dieses geflügelte Wort nicht geläufig ist und besorgt sowohl die Bedeutung der Traumtiere als auch des Wetters zu ergründen versuchen. Er hingegen hat vielleicht in einem Traum ein Paar Waden in der Hand und weiß dadurch instinktiv, dass er „die Beine in die Hand“ nehmen muss, sich also aktiv um einen gewissen Sicherheitsabstand zum Geschehen bemühen sollte.

2. Religionen und Traditionen

Gleich, welches Grundmuster den Träumer prägt, es gibt Momente im Leben, da ist er froh darum, zu erfahren, dass es auch noch andere Wege gibt, als es die eigene Religion bestimmt. Hat ihn ein gar zu doktriniertes Festhalten an traditionellen Verhaltensmustern in eine ausweglose oder schwierige Situation gebracht, kann er durch das Traumgeschehen zu einem Wechsel des Weges gebracht werden.

Für den Einen ist es sozusagen Grundvoraussetzung allen Lebens, dass eine Macht von außen alles irdische Leben verantwortet. Er fühlt sich geborgen aber machtlos, hat dennoch immer den Blick nach oben zur Verfügung, wenn er sich hilflos wähnt. Für ihn gibt es nur ein Leben, aber das ist in „Gottes Hand“ gut aufgehoben. Ihm könnten Bilder, die eine eigene Handlungsfähigkeit aufzeigen, zu mutigen Taten verhelfen.

Ein anderer ist sich bewusst, viele Leben zu durchlaufen, erinnert sich vielleicht sogar daran, was er tat, bevor er diesen Körper bewohnte. Er achtet die Lebewesen um sich herum wie Verwandte und gibt Acht, dass er niemandem ein Leid zufügt, das hätte vermieden werden können. Ihm ist klar, dass sein Handeln jederzeit Einfluss auf das Leben und er Verantwortung hat. Traumbilder, die ihm zeigen, dass manchmal eine höhere Macht die Geschicke lenkt, können diesem Träumer die Last der eigenen Verantwortung erleichtern.

Jemand anderes meint, er müsse schwere Opfer bringen, um sein Leben oder das nahestehender Lieben in eine positivere Position zu führen. Auch er kann durch Traumgesichte Erleichterung finden, beispielsweise wenn er erfährt, dass auch andere etwas zum Wohlergehen beitragen.

3. Umwelt und Alltag

Ein Kamel in dem Traum eines Inuit ist sicherlich um ein Vielfaches aufsehenerregender, als im Traum eines Ägypters, umgekehrt verhielte es sich mit einem Eisbären. Die Sonne ist im Traum eines Afrikaners oft eine sehr beängstigende, gottähnliche Macht, die höchst bedrohliche Auswirkungen haben kann. Für den Polarbewohner hingegen ist sie fast ausschließlich gütig und gnädig, schenkt Licht und Freude.

Ist eine technische Apparatur im Traum eines Erfinders vielleicht die Lösung eines beruflichen Problems, die ihm quasi „im Traum zuflog“, so ist ein Mensch, der sich für gewöhnlich mehr in der Natur aufhält vom gleichen Traumbild zurecht erschreckt, denn komplizierte und bedrohlich wirkende Maschinen können auf gesundheitliche Probleme hindeuten.

4. Moderne Bilder

Nirgends ist der Unterschied zu althergebrachten Traumbildern deutlicher als in dieser Zeit. Noch unsere Großeltern hätten wohl kaum einen Computer oder ein Handy im Traum gesehen; bestenfalls ein Telefon oder Fernsehgerät. Diese „modernen Errungenschaften“ sind in der Traumdeutung auf ältere, traditionellere oder gar archaischere Symbole umzurechnen. Der Bote und die Brieftaube haben die Aufgabe, Nachrichten zu übermitteln. Ein solches Traumgesicht informiert den Träumer seit ewiger Zeit darüber, dass ferne Lieben etwas mitzuteilen haben, eine Nachricht ist zu erwarten oder kündigt sich an. Der junge moderne Mensch bekommt als Traumerleben wahrscheinlich eher eine Nachricht auf dem Handy oder sieht einen Bericht auf dem Computer und hat die Botschaft verstanden. Vor nur einem Jahrhundert wäre ein Träumer über eine Nachricht auf dem Mobiltelefon ob des Bildes gewiss sehr beeindruckt gewesen, vermutlich etwas mehr, als ein junger Träumer von heute über eine Brieftaube in der Nacht. Da sich der Alltag gewandelt hat, haben sich auch die symbolischen Gegenstände dem Tageserleben des Träumers angeglichen.

5. Fazit

Obwohl es vorkommt, dass der eigenen Kultur fremde Bilder in Träumen auftauschen, fällt es uns doch leichter, Bekanntes zu deuten. Ob die „exotischen“ Bilder von weit entfernten, tiefen eigenen Wurzeln herrühren oder eine Verbundenheit mit dem Kollektiven Überbewusstsein zeigen sei dahingestellt. Auf jeden Fall ziehen solche Traumgeschehen die Aufmerksamkeit an und bewegen den Träumer auf eine intensiv wirkende Art. Kirchliche Symbole können einen Menschen, der ohne diese Traditionen aufwuchs genauso staunen lassen, wie das Auftreten von Runen in einem Traum von jemandem, der sich noch mit deren Bedeutung beschäftigt hat. Fremde Sprachen, gesprochen oder in Schrift, zeigen sich meist in exponierter Weise und geben dem Schläfer auch am Tage noch lange zu denken.